25 Jahre friedliche Revolution

25 Jahre friedliche Revolution
25 Jahre Mauerfall
von Jürgen Loeschke
Bürgermeister a.D.

Wir gedenken in einer Zeit kriegerischer Auseinandersetzungen in der Welt unserer friedlichen Revolution vor 25 Jahren. Wir waren bisher der Meinung, dass die Menschheit aus dem vor 75 Jahren von deutschem Boden ausgegangenen II. Weltkrieg mit seinen verheerenden Folgen gelernt hätte. Wir können nur hoffen, dass die weltweiten Vermittlungsbemühungen die Vernunft siegen lassen und nicht Macht-und Einflussinteressen die Oberhand gewinnen.
Das welthistorische Ereignis einer friedlichen Revolution (nicht Wende) ohne Blutvergießen mit dem Zusammenbruch des Ostblocks und des Sowjetreiches in der Folge erlebt nicht jede Generation.
Solche umwälzenden Ereignisse haben meist neben den positiven Folgen auch für einen Teil der Bevölkerung schmerzhafte Erfahrungen unterschiedlichster Art mit sich gebracht. Über Nacht wurde einem nicht mehr gesagt, was zu tun und zu lassen oder zu wählen ist, sondern man musste sich selbst neu orientieren, was nicht jedem leicht gefallen ist. So mussten sich ca. 70% der DDR- BürgerInnen bezüglich ihrer Arbeit freiwillig bzw. unfreiwillig völlig neu orientieren u.a. mit dem Gang in eine riskante Selbständigkeit mit vielen neuen Herausforderungen. So mussten neue Techniken erlernt werden, ebenso der Umgang mit neuen Materialien, aber auch vielfältige organisatorische und rechtliche Dinge bis hin zu notwendigen privaten Investitionen waren zu bewältigen. Glücksritter waren ebenso unterwegs wie ehrliche Helfer. Z.T. war auch eine lange Arbeitslosigkeit die Folge des Umbruchs.

MitbürgerInnen im heutigen Alter zwischen 30 bis 35 Jahren haben diesen Umbruch nicht bzw. nur im Kindesalter indirekt miterlebt und sind langsam in das neue System hinein gewachsen, viele auch nach Orientierung suchend.
Manche(r) in diesem Alter weiß nach neusten Umfragen leider mit den historischen Ereignissen nicht mehr viel anzufangen.
Der allgemeine Druck im „Kessel" der DDR erhöhte sich Tag für Tag nach der „frisierten" Volkskammer"wahl" vom 07.05.1989 durch Ausreiseanträge und die Flucht meist junger Leute in bundesdeutsche Botschaften in Polen, der CSSR und Ungarn, aber auch durch das wachsende Umweltbewusstsein junger Menschen. Am 10.09.89 rief das neu gegründete „Neue Forum" auf, Unterstützungsunterschriften zu leisten, was dann auch u.a. im Dresdner Wärmegerätewerk organisiert wurde. Erinnert sei an die führenden Persönlichkeiten wie Bärbel Boley (+), Jens Reich , Katja Havemann, Jens Pflugbeil, Rolf Henrich und Reinhard Schult, von denen heute kaum noch jemand redet, die aber ein ganzes Volk mitgerissen haben.

Erinnern wir uns kurz an einige vorhandene DDR-weiten Missstände, so an den desolaten Zustand der historischen Stadtkerne, bei uns über 40 wilde Mülldeponien, durch die Russen belastetes Trinkwasser, verwahrloste Infrastruktur bei Wasser, Abwasser, Straßen und Kommunikation, von Kohlengasen belastete Luft u.v.a.m.. Nicht zu vergessen sind die geschundenen Wismut-und Braunkohlelandschaften, die verwahrlosten Kasernenanlagen bis hin zur staatlichen Bevormundung mit Stasikontrolle der BürgerInnen.
Wir wollen aber auch bemerken, dass es Kindereinrichtungen von Krippe bis zum Hort preiswert wenn auch auf niedrigem materiellen Niveau gab, die ärztliche Versorgung, wenn auch auf anderer Basis gewährleistet war und die Schüler gutes Wissen in den Schulen vermittelt bekamen, wenn auch der ideologische „Schleier" über vielen Fächern lag (außer den Naturwissenschaften!!) und die Geschichte zum großen Teil gefälscht vermittelt werden musste (z.B. gab es damals den Hitler-Stalin-Pakt 1939 nicht, in dessen Folge auch die Russen am 17.09.39 in Ostpolen einmarschiert sind, aber auch danach die Morde von Katyn an der polnischen Elite wurden gefälscht dargestellt u.v.a.m.).

Da unsere Reisefreiheit beschränkt war, musste man FDGB-Ferienmöglichkeiten im eigenen Territorium in Form von „Bettenburgen" im Erzgebirge, im Thüringer Wald, im Harz und an der Ostsee schaffen....und es gab den Haushalttag meist für Frauen!

Ich persönlich bin erst später in Königsbrück aktiv geworden, nachdem ich erstmals am 01.10.89 in meiner Heimatkirche, der Auferstehungskirche in Dresden – Plauen, einer Protestveranstaltung gegen das geplante Reinstsiliciumwerk in Dresden – Gittersee mit seinen Umweltrisiken beigewohnt habe. So voll hatte ich die Kirche als kleiner 5-jähriger Junge am „Heiligen Abend" 1945 in Erinnerung. Danach überstürzten sich die Ereignisse, beginnend mit der Ausreise der Prager Botschaftsflüchtlinge am 04.10.89 in Zügen über Dresden gen Westen, was mit brutalen Übergriffen der „Volks"polizei verbunden war. Der Dresdner Hauptbahnhof wurde zum „Schlachtfeld". So ging es bis zum 07.10.89 weiter mit sogenannten „Zuführungen" in Polizei- und Stasigefängnisse der Stadt und anderswo auch.

Am 08.10.89 verlief der Bürgerprotest auf der Prager Straße durch Vermittlung von Kirchenvertretern und Zurückhaltung der Polizeiführung erstmals friedlich. An diesem Tag wurde die Gruppe der 20 auf der Prager Straße gegründet, die mit der berühmten „Eine - Ostmark-Überweisung" hunderttausendfach vom Volk dazu legitimiert wurde, mit dem Dresdner Oberbürgermeister Berghofer zu verhandeln. Am 09. 10. verlief die mit Spannung erwartete Montagdemo in Leipzig mit 70000 Teilnehmern auch friedlich. Bis Anfang 1990 waren die Menschen jeden Montag in wachsender Anzahl in der ganzen Noch - Republik auf der Straße.

Wie spielten sich die Ereignisse nun in Königsbrück mit seiner großen sowjetischen Garnison ab?

Hier in Königsbrück wurde das „Neue Forum" im Pfarrhaus auf der Gartenstraße von unserem „Revolutions"pfarrer Lothar Anys schon am 12. 09.89 gegründet. Bis 30. September wurden 250 Unterschriften gesammelt.

Die Mitglieder des „Neuen Forums" wollten hier in Königsbrück im Rahmen von Arbeitsgruppen mit dem „Rat der Stadt" ins Gespräch kommen (Ökonomie/Ökologie; Kultur/Bildung; Staat/Recht) und das Mitspracherecht am „Runden Tisch" einfordern, was nur schleppend voranging.

Spannend wurde es in Königsbrück ab 30. Oktober 1989, an dem das erste „Gebet für unser Land" in unserer dicht besetzten Hauptkirche stattfand. Pfarrer Anys begrüßte auch süffisant die Anwesenden von „Horch und Guck". Er musste langwierig verhandeln, um eine Genehmigung für eine anschließende friedlichen Kerzendemo zu erhalten, die erst montags und später dienstags stattfand, damit wir montags in Dresden mit demonstrieren konnten. Es wurde ja jeder Mann und jede Frau gebraucht! Am 1.11.89 lud der Bürgermeister zu einer öffentlichen Stadtratssitzung in den Ratssaal ein, der vor Menschen überquoll, sodass die BürgerInnen z.T. bis auf die Straße stehend über Lautsprecher informiert werden mussten. Der Kreisvorsitzende war auch anwesend und rief im Laufe der Veranstaltung in die Menge: „ Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein", was zu tumultartigen Szenen und zum Abbruch der Veranstaltung führte. Danach gab es nochmals Gespräche zwischen dem Rathaus und dem „Neuen Forum", was dazu führte, dass am 09.11 ein Bürgerforum auf demMarkt vereinbart wurde. Am 07.11.89 gab es ein weiteres Friedensgebet mit anschließender Kerzendemo und am 09.11.89 das Bürgerforum auf dem Markt mit ca. 800 Teilnehmern, die z.T. Transparente mit ihren Forderungen trugen. Staatliche Vertreter sprachen beschwichtigend, aber auch „bestellte" und „unbestellte" Bürger kamen zu Wort, die z.B, die Auflösung der Kampfgruppen forderten.

In der Zwischenzeit ereigneten sich welthistorische Dinge in Berlin, was unsere Bürger erst am späten Abend vor dem Fernseher registrieren konnten, als „Mister Abendschau" vom SFB Harald Karras (früher Schwepnitz) den

FALL DER VERHASSTEN BERLINER MAUER

verkündete.

Im Vorfeld hatte Günter Schabowski als SED-Politbüromitglied vor laufenden Kameras verkündet, dass jeder DDR-Bürger ab sofort nach Westberlin und damit auch in die Bundesrepublik ausreisen könne. Daraufhin stürmten 100000e die Grenzanlagen ......... und es fiel kein Schuss. Nun war der Untergang der DDR nicht mehr aufzuhalten. Am 10.11.89 wurden die Meldestellen wegen Visastempeln „belagert". Lange Trabistaus an den geöffneten Grenzübergängen waren die Folge. Ein ganzes Volk war im Ausnahmezustand, ging aber „nebenbei" arbeiten.

Wir hatten ja noch die „Rote Armee" auf unserem Territorium stationiert mit der Kommandantur auf dem Markt. Es kam oft auch wegen der Schießerei auf dem TÜP zu Gesprächen in der Kommandantur, die von Pfarrer Anys (!!) geführt wurden.
Bei den Russen herrschte Unsicherheit. Man blieb aber besonnen, was auch den beiden Kommandanten Shgiliow und Chomutow (TÜP) zu verdanken war. Inzwischen gründeten sich neue Parteien, so die SPD und DSU, aber auch die „Freien Wähler Königsbrück". Modrow, der inzwischen Ministerpräsident der Noch – DDR geworden war, ließ Neuwahlen zur Volkskammer für den 18.03.90 verkünden. Diese Wahlen gewann die „Allianz für Deutschland" (CDU/DSU/DA) mit Lothar de Maiziere (CDU)als Ministerpräsidenten. Auch unser Pfarrer Lothar Anys saß nun für die DSU in der Volkskammer, die letztlich den Beitritt zur Bundesrepublik beschloss und damit den Weg zur Deutschen Einheit am 03.10.1990 ebnete.

Wir wollen aber nicht vergessen, dass neben dem besonnenen Mut unserer Bevölkerung auch das Verhalten von M. Gorbatschow (Glasnost & Perestroika) und das ungarische Volk mit der erstmaligen Zertrennung des „Eisernen Vorhangs" am 27.06.1989, später am 19.08.89 beim „Paneuropäischen Picknick" (600 geflüchtete junge DDR-Urlauber!) zwischen Ungarn und Österreich die Entwicklung fördernd begleitet haben.

Wir wollen auch nicht verschweigen, dass nach der Euphorie durch wirtschaftliche Einschnitte (Treuhand) , aber auch kriminellen Handlungsweisen bei vielen BürgerInnen Frustrationen ausgelöst wurden, da der riesige Abbau von Arbeitsplätzen teils aus ökonomischer Notwendigkeit, teils aus krimineller Geldgier einzelner Gruppen zu großen Zukunftsängsten geführt hat. Ich glaube aber, dass durch die Solidargemeinschaft aller Deutschen, die schlimmsten Folgen nach und nach überwunden werden konnten, allerdings zu Lasten einer enormen öffentlichen Verschuldung von Bund, Ländern und Kommunen.
Insgesamt ist es eine grandiose Leistung unseres Volkes gewesen, zwei so unterschiedliche Wirtschaftssysteme wieder zusammen zu fügen.

Freuen wir uns über das größtenteils gelungene Werk! Dennoch gibt es viel zu tun!